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Theresia Bauer im Interview

AUTORIN: JULIA BLANK

Theresia Bauer ist seit 2001 Abgeordnete des Landtags von Baden-Württemberg war bis September diesen Jahres Landesministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst. Nun kandidiert sie für den Posten der Oberbürgermeisterin.

Ich treffe mich mit Frau Bauer an einem verregneten Freitagnachmittag in ihrem Wahlbüro. Die Fototapete und Dekokissen sind in Grüntönen gehalten, damit auch keinem Gast entgeht: Wir sind hier bei „den Grünen“. Theresia Bauer betritt gut gelaunt und energetisch den Raum und erzählt, dass Sie die öffentlichen Verkehrsmittel genommen habe – deshalb ihre Verspätung. Sie bevorzuge aus diesem Grund immer noch das gute alte Fahrrad, um von A nach B zu kommen. Nach einem tiefen Schluck Kaffee beginnen wir unser Gespräch.

Eine „Aufwärmfrage“ zu allererst. Die kalte Jahreszeit kommt: Lieber Glühwein oder Tee? 

Tee!

Apropos warme Getränke: Müssen wir wegen der Energiekrise bald kollektiv frieren in Heidelberg? 

Nein. Ich glaube die Gasmangellage wird beherrschbar sein. Die Preissteigerungen sind eine enorme Belastung für die Menschen, aber auch da werden Lösungen gefunden, sodass keiner Angst haben muss, dass wegen Geldfragen der Strom oder die Heizung abgedreht wird. Es wird geholfen werden. Wir halten zusammen in dieser schwierigen Zeit.

Zum Gegenproblem hätte ich auch eine Frage. Ihre Lösung für warme Sommer ist der Hitzeaktionsplan. Bitte beschreiben Sie. Werden Schattenplätze uns vor dem Klimawandel retten? 

Die Schattenplätze retten uns nicht vor dem Klimawandel. Sie helfen uns jedoch, die Klimaanpassungen hinzukriegen. Wir erleben es jetzt schon: Es wird heißer. Wir müssen unsere Stadtplanung darauf einstellen, mit harten Hitzephasen klarzukommen. Deswegen sind Maßnahmen wie schattenspendene Bäume, Fasadenbegrünungen oder Bänke im Schatten wichtig. Das ist gerade für die ganz jungen und die älteren Bürger:innen besonders relevant.

Der Klimaschutz ist eine eigene Sache. Das kriegen wir nur durch CO2-Reduktion hin. Beides müssen wir machen.

Ich würde gerne 30.000 Bäume innerhalb von acht Jahren neu pflanzen in Heidelberg. An unseren Straßen, auf unseren Plätzen, an unseren Spielplätzen – zwei Fliegen mit einer Klappe.

Anhand des 9-Euro-Tickets konnte man sehen, wie dankbar viele Menschen eine finanzielle Entlastung annehmen. Was planen Sie für das Heidelberger ÖPNV-Angebot?

Drei Sachen: Der öffentliche Verkehr muss preiswert sein, vor allem für die, die einen schmalen Geldbeutel haben. Für Familien mit Kindern, junge Menschen, Studierende, aber auch ältere Menschen.

Zweitens muss das Angebot ausgebaut werden, vor allem zu den Randzeiten in den Randlagen.

Und drittens: Das Thema Pendler:innen. Hier wird es teuer, aber auch ökologisch problematisch, denn der größte Teil unseres Autoverkehrs sind die Pendler. Deswegen muss der Verkehr ausgebaut werden. Nach Waldorf, Wiesloch, Heddesheim und Ladenburg– damit alle Menschen, die außerhalb wohnen müssen, entlastet werden.

Apropos preiswert: Der Studentenwohnpreisindex zog in Heidelberg dieses Jahr um 11,8% an. (MLP) Wie wollen Sie bezahlbaren Wohnraum schaffen?

Das ist ein dramatisches Problem. Es ist die soziale Frage in Heidelberg für Studierende. Auch Familien und „ganz normale“ Menschen mit einem „ganz normalen“ Einkommen können sich die Mieten hier zum Teil nicht erlauben. Deshalb hilft es nicht, viel zu bauen. Auch viele Wohnungen können hier teuer vermietet werden. Was hilft ist, wenn die Stadt gezielt eingreift – vor allem über Bodenpolitik – und dafür sorgt, dass die Neubebauungen nur für das Segment in Not erfolgen. Nicht alles muss neu gebaut werden, sondern auch Sanierungen sind kostengünstig realisierbar.

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Bei der letzten Wahl (2014) gab es eine Wahlbeteiligung von nur 21,8%.  Warum ist die Kommunalpolitik für viele so unattraktiv? 

Letztes Mal war sie besonders unattraktiv, weil es keine gescheite Alternative gab. Das ist jetzt anders (lacht). Deshalb hoffe ich sehr, dass die Menschen diese Chance, wirklich entscheiden zu können, wo es die nächsten acht Jahre hin geht, nutzen. Wir tun alles dafür, dass die Menschen sich eingeladen fühlen, mitzumachen. Denn es geht um Vieles.

Sie haben, im Gegensatz zu Ihren Mitstreiter:innen, viel Wahlwerbung auf sozialen Netzwerken schalten lassen. Warum?

Weil es ist mir besonders wichtig ist, dass wir für diese wichtige Wahl die Altersgruppen erreichen und begeistern, um die es in der Zukunft gehen wird. Von den Folgen dessen, was da in den nächsten acht Jahren entschieden wird, haben einen Großteil die jüngeren Generationen zu tragen. Deshalb war es mir wichtig, der Gruppe der 16-40-Jährigen ein klares Signal zu geben: „Es geht um eure Zukunft!“

Junge Menschen interessieren sich besonders für die Reaktivierung des Nachtlebens in Heidelberg. Was haben Sie da geplant? Wie möchten Sie die Stadt sonst noch attraktiver für junge Leute gestalten?

In der Tat war schon als ich studiert habe das überschaubare Nachtleben ein Thema (lacht). Wir haben gekämpft um Freiräume und Orte, wo wir feiern können und jetzt machen es meine Söhne genauso. Es muss dringend etwas passieren. Erstens brauchen wir Unterstützung für Clubs und Locations, damit sie Angebote machen können und zu vertretbaren Preisen öffnen können. Zweitens brauchen wir Ressourcen, damit jungen Menschen selbständig etwas auf die Beine stellen können. […] Insgesamt ist es wichtig, dass wir viele verschiedene Orte dezentral in der ganzen Stadt schaffen, damit sich nicht alles ballt auf der Neckarwiese und in der Unteren Straße. Unterschiedliche Angebote für unterschiedliche Geschmäcker.

Ihre Pläne für das Airfield in Kirchheim klingen auch interessant. Möchten Sie dazu mehr erzählen?

Seit neun Jahren liegt dieser Flughafen zwischen Pfaffengrund und Kirchheim brach, der zwei Bürogebäude, viel Platz und eine asphaltierte Fläche bietet. Das alles steht leer momentan. […] Ich glaube, dass es ein idealer Ort ist, an dem Projekte wachsen können. Deshalb will ich da auch keine schicke Location draus machen, sondern einen Raum ermöglichen, an dem die Bürger:innen selbst aktiv werden können. Eigene kulturelle Angebote, Sport, Partys, innovative Ideen für Versorgung– ich möchte einen Raum der Möglichkeiten schaffen. Wenige Ressourcen, viel Platz für Neues.

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Als Oberbürgermeister:in fällt man in Heidelberg in die Besoldungsgruppe B9, d.h. 12.135,89 Euro pro Monat.  Ist das eine Motivation, das Amt auszuüben?

Nö, das ist für mich de facto weniger als bisher. Ich war ja Ministerin bis vor zwei Wochen und da war ich in der Besoldungsgruppe B11. Das habe ich aufgegeben, um zu kandidieren. Aber sowas macht man auch nicht für Geld. Sowas macht man nur aus Leidenschaft.

Nur rund 8% aller Bürgermeisterinnen in BW sind weiblich (Stand 2021). Was sind Hürden, die Frauen da auch ihrer eigenen Erfahrung nach überwinden müssen?

Ich glaube Frauen drängeln nicht so sehr in die erste Reihe. Und  so eine Oberbürgermeisterposition bündelt natürlich viele Funktionen. Das ist die Außenrepräsentation, aber damit ist man auch Chefin der Exekutive und Legislative. Das ist ein attraktiver Job und um solche gibt es immer ein Gerangel. Beim Rangeln sind Frauen meistens nicht so schnell dabei. Es geht auch darum, mal zu sagen: „Ich mache das besser als meine Konkurrenz.“

Ich glaube, dass die Zeit überreif ist, dass wir mehr Frauen in dieser Position haben. Das plane ich für den 6. November (lacht).

Meine letzte Frage: Wenn Sie drei Wünsche für Heidelberg frei hätten, was würden Sie sich wünschen?

Erstens ganz viel Experimentierfreude. [Bei diesem Stichwort sieht man Frau Bauers Augen aufleuchten.]

Ich wünsche mir, dass wir in allen Bereichen „Labor für Neues“ werden– für neue kulturelle Formate, für neue Verkehrskonzepte und für beispielsweise Gesundheitsforschung. Heidelberg ist eigentlich eine Stadt, in der Neugierde und Experimentierfreude ganz groß geschrieben werden.

Zweitens wünsche ich mir ein Neckarbad. Ich würde die Wasserqualität gerne so heben, dass man ohne schlechtes Gewissen im Neckar wieder baden kann. Meine Deutschlehrerin hat mir damals vorgeschwärmt, wie schön es war, an der Neckarwiese zu liegen und zu lernen und ab und zu in den Neckar zu springen zur Abkühlung. Ich finde, das haben wir und unsere Kinder auch verdient.

Der dritte Wunsch: Ich wünsche mir, dass wir das Patrick-Henry-Village zu einem wirklichen Modell machen. Für Pioniere, unruhige Geister und Menschen, die etwas Neues in Sachen Zusammenleben und Zusammenarbeiten ausprobieren wollen. Sodass das nicht ein Problemstadtteil wird, sondern einer, der spannend ist und Leute einlädt, da innovativ zusammenzuleben.

Sehr schön! Vielen Dank für das spannende Interview Frau Bauer!

AUTORIN: JULIA BLANK