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catcalls of heidelberg

About Heidelberg

Catcalls of Heidelberg

Wir kreiden verbale sexuelle Belästigung an

„Du siehst aber geil aus, dich könnte man fi**en“.

„Geile Sau“

„Hey Schnecke, brauchst ‘ne Füllung?“

Diese Sätze sind nur einige Beispiele dafür, was Frauen auf den Straßen Heidelbergs in der Vergangenheit ungefragt hinterhergerufen wurde. Um seltene Einzelfälle handelt es sich bei solchen Vorfällen nicht. Das hat im vergangenen Jahr auch eine internationale Studie ergeben, die Frauen aus verschiedenen Ländern ab einem Alter von 18 Jahren zu sexueller Belästigung befragt hat. Im Rahmen der Studie gaben rund ein Drittel der über 1.000 befragten Frauen in Deutschland an, bereits Erfahrungen mit sexuellen Beleidigungen oder Kommentaren gemacht zu haben. Im Englischen gibt es für die verbale Form der sexuellen Belästigung einen Begriff: „Catcalling“. Catcalling beschreibt die verbale sexuelle Belästigung auf offener Straße und umfasst Pfeifen, anzügliche Kommentare und das Hinterherrufen sexistischer Sprüche. Nicht selten folgen auf Catcalling körperliche Übergriffe.

Auch im pittoresken Heidelberg ist Catcalling ein Problem. Darauf macht seit letztem September eine Gruppe von 12 jungen Frauen, die den Instagram-Account @catcallsofhd betreibt, aufmerksam. Ihre Mission: Den Opfern verbaler sexueller Gewalt Gehör zu verschaffen – und gleichzeitig ein offenes Ohr für sie zu haben. Dafür schreiben sie mit Straßenkreide Zitate von verbalen Übergriffen an den Orten des Geschehens auf die Straße. Die Berichte über die persönliche Erfahrung mit sexueller Belästigung können Betroffene anonym via Instagram mit @catcallsofhd teilen. Im Gespräch mit unserem Magazin haben uns die Mitglieder gebeten, anonym zu bleiben. Das diene ihrem eigenen Schutz sowie dem Schutz derer, die sich der Gruppe anvertrauen, wie ein Mitglied erklärt:

Wir wollen dieser sichere Hafen bleiben und nicht direkte Persönlichkeiten sein. Durch die Anonymität soll auch für Menschen in unserem Umfeld, die uns vielleicht kennen, und nicht direkt uns etwas erzählen wollen ein gewisser Abstand gewährleistet werden. Außerdem ist es ein Sicherheitsaspekt für uns. In anderen Städten gab es schon Probleme mit Stalkern.

Der Instagram-Account @catcallsofhd reiht sich in eine lange Liste von internationalen Instagram-Accounts ein, die weltweit dem Catcalling in ihrer Stadt den Kampf angesagt haben. In der Metropolregion Rhein-Neckar gibt es mit @catcallsofmannheim auch für Mannheim einen solchen Account. Die Social-Media-Kanäle gehen dabei auf die Organisation chalkback.org zurück, die Frauen weltweit im Kampf gegen Catcalling vernetzt. Die Idee des buchstäblichen Ankreidens von verbalen Übergriffen auf der Straße stammt von einer jungen New Yorkerin, die im Jahr 2016 damit begann, mit Straßenkreide ein Zeichen zu setzen.

Ziel des Ankreidens ist es, für jeden sichtbar zu machen, dass Catcalling vor allem für Frauen noch immer trauriger Alltag ist. Auch wegen der Häufigkeit der Vorfälle, wird Betroffenen oft vermittelt, dass sie die Belästigung einfach hinnehmen oder ignorieren sollten. Diese Erfahrung beschreibt auch ein Mitglied:

Catcalling und Street Harassment ist etwas, was mich immer begleitet hat. Fast jeden Tag, vor allem im Sommer. Ich hatte das für mich akzeptiert und dachte: Das ist einfach so, das passiert total oft. Dabei soll man sich nichts denken. Ich bin 18 und Catcalling passiert mir schon bestimmt seit 5 oder 6 Jahren regelmäßig. Wenn ich Erwachsene darauf angesprochen habe, kam dazu oft: Das ist eben so, das muss man akzeptieren, muss man drüberstehen. Als ich dann auf die catcallsofhd-Seite gestoßen bin, war das so eine Art Weckruf für mich. Man muss da nicht drüberstehen, man kann sich damit auch auseinandersetzen.

Das Ankreiden gibt Betroffenen auch ein Gefühl davon, nicht hilflos zu sein, sondern etwas gegen die Belästigung tun zu können. Dieses Feedback bekommt die catcallsofhd-Gruppe häufig, wie ein Mitglied erzählt:

Von den Betroffenen schreiben uns sehr viele, dass es einfach wahnsinnig guttut, diese Geschichte zu erzählen und zu wissen: Die wird angekreidet und bekommt Aufmerksamkeit. Es ist nicht mehr einfach nur, dass ich einen Catcall bekommen habe, sondern ich mache auch etwas dagegen.

Ein anderes Mitglied fügt hinzu:

Es bestärkt die Betroffenen, dass da jemand ist, für sie, der laut wird, der Ihre Geschichte erzählt, und zwar genau an dem Ort, an dem es passiert ist.

Möchte man sich mit seiner Catcalling-Erfahrung an die Gruppe wenden, spielt es keine Rolle, wie lange das Erlebte zurückliegt. Die Gruppe möchte Betroffenen das Gefühl geben, gehört zu werden. Denn sexuelle Belästigung hat kein Ablaufdatum.

In Frankreich ist Catcalling seit einigen Jahren strafbar, während es sich in Deutschland hierbei nicht um einen eigenen Straftatbestand handelt. In Deutschland setzt sexuelle Belästigung Körperkontakt voraus. Damit auch Catcalling ein eigener Platz im Gesetz eingeräumt wird, hat eine 20-jährige Studentin aus Fulda im August 2020 eine Online-Petition gestartet, die sich an die Bundesministerien für Justiz und Familie und die Bundesregierung richtet. Unterzeichnet wurde sie bereits von beinahe 70.000 Menschen. Auch die Gruppe hinter @catcallsofhd befürwortet den Vorstoß.

Wenn Catcalling ein Straftatbestand wird, entnormalisiert es das Ganze. Das setzt damit ein Zeichen. Sobald es strafbar ist, ist es für jeden offensichtlich klar, dass es nicht okay ist und, dass es illegal ist. Und für viele Opfer und für viele Täter*innen wird das nochmal etwas ändern

argumentiert ein Mitglied.

Wer sich engagieren möchte, kann sich bei @catcallsofhd auf Instagram melden. Wichtig: Nicht nur Frauen sind von Catcalling betroffen. Die Gruppe freut sich über neue Mitglieder unabhängig von ihrem Geschlecht.

Autorin | Julia Faulhaber